Die bösen Drogen

Die hölzerne Eingangstür quietscht laut, als er sie aufdrückt und seine Wohnung betritt. Er geht ins Wohnzimmer und hört endlich das dumpfe Geräusch seiner schweren Aktentasche, die den Weg auf ihren gewohnten Platz, in einer Ecke des Raumes, findet.
Dann dreht er den schwarzen Sessel in Richtung Fernseher.
Er lässt sich auf das weiche Leder sinken und drückt seinen Hintern in die jahrelang vorgeformten Abdrücke, die er dort hinterlassen hatte. Es ist die perfekte Position, um sich vom Alltagsstress zu erholen und sich seine wohlverdiente, innere Ruhe zurückzuholen.
Doch eine Kleinigkeit fehlt noch, um den Tag feierlich abzuschließen.
Er lehnt sich über die Lehne seines Sessels und greift in die Schublade des kleinen Beistelltischchens. Er tastet herum, bis er alles zusammengesucht hat, was er braucht.
Nach ein paar Minuten des Mahlens und Schichtens, rollt er sein Werk zusammen und verschließt es. Nun greift er das Feuerzeug und zündet ihn an – seinen wohlverdienten Feierabendjoint, den er sich nach einem erfolgreichen Tag, als fester Bestandteil unserer Leistungsgesellschaft, zu Gemüte führt.

Dies ist das wahre Gesicht des Durchschnittskiffers.
Er ist Teil unserer Gesellschaft, so wie es die alkoholverliebten Oktoberfestpilgerer ebenfalls sind.
Und so, wie es bei den meisten Alkoholkonsumenten ebenso der Fall ist, gibt es beim Durchschnittskiffer keine tragische Abhängigkeitsgeschichte, kein Kindheitstrauma, das ihn in die Arme der Droge getrieben hat.
Es gibt nur ihn und die Form der Entspannung, die er sich zu gegeben Anlass, in angemessener Menge, genehmigt. So sieht sein wahres Leben aus, doch in den Köpfen vieler Menschen ist er nur ein Junkie.
Sie setzten ihn mit gescheiterten Existenzen gleich, die den Drogen zum Opfer gefallen und nun in einer lebenszerstörenden Sucht gefangen sind. Nur bezogen auf die Tatsache, dass er eine Droge konsumiert, die angeblich die Wurzel allen Übels sein soll.
Der Ruf des Cannabis ist seit Jahrzehnten in einer schwarzen Loch gefangen.
Die Prohibition in den USA (1920), die nach einem gescheiterten Alkoholverbot eine Anti-Cannabis Kampagne nach sich zog*1, ist bis heute der Grundstein des Cannabisverbots hier in Deutschland und diversen anderen Staaten der Welt.

Das Bild, welches in dieser Zeit von der Droge gezeichnet wurde, herrscht heute noch in den Köpfen der Menschen vor. Der Großteil der Gesellschaft macht keinen Unterschied zwischen Heroin und Cannabis, geschweige denn zwischen Drogen überhaupt.
Diese Undifferenziertheit und der daraus folgende Unwille sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, zeigt doch schon, wie sehr in diesem Land Aufklärung über Drogen benötigt wird.
Es sind eben nicht alle Drogen gleich und wirken auch nicht identisch. Dementsprechend kann man nicht pauschal sagen, dass eine bestimmte Droge allein, ein Leben zerstören kann.
Bei einem Alkoholabhängigen würde auch niemand auf die Idee kommen, dass er allein durch den Alkohol in die Sucht geraten ist, sondern man würde auf widrige Lebensumstände und Traumata hinweisen, um dem Individuum die Schuld geben zu können.

Paradoxerweise sind es ebendiese Menschen, die bei einer Abhängigkeit im Zusammenhang mit illegalen Suchtmitteln, sofort darauf übergehen, dem Individuum jegliches Recht auf äußere Umstände und Traumata abzusprechen – die Droge sei doch schuld.
Anstatt von Panikmache und gewollt überspitzter, oft irreführender „Aufklärung“ über Drogen, muss ein objektives Bewusstsein für Drogen geschaffen werden.
Gerade bei Cannabis ist diese, auf Abschreckung angelegte, Drogenpolitik mehr als schädlich und lässt die Gesellschaft, und unglücklicherweise auch die Politik, blind für die Vorteile dieses Stoffes werden. Weite Teile der Politik haben sich derart verbissen dem Kampf gegen das Cannabis verschrieben, dass ihnen scheinbar gleichgültig zu sein scheint, dass man durch diese Prohibitionsfanatik auch mögliche medizinische Fortschritte im Keim erstickt.

Durch das Tabu, das dem Cannabis anhaftet, ist es schwieriger im großen Stil an der Pflanze zu forschen, was gerade im medizinischen Bereich nötig wäre. Das ist möglicherweise auch so gewollt, um die eigene Überzeugung, Cannabis sei Teufelszeug, länger am Leben zu erhalten.
Leider ist diese Überzeugung auch in unserer Gesellschaft noch sehr fest verwurzelt und es wird Zeit, dies zu ändern.
Die Menschen müssen so objektiv, und so wissenschaftlich korrekt, wie möglich über die Drogen in unserer Mitte aufgeklärt werden. Dabei steht Cannabis ganz oben auf der Liste, da es, was die Gefährlichkeit betrifft, weit weniger schlimm ist, als unser geliebter Alkohol*2.

Das Tabu muss gebrochen werden und den Menschen muss endlich zugestanden werden, dass sie sich durchaus für ein gesundes und drogenfreies Leben entscheiden können, ohne von Vater Staat in eine bestimmte Richtung gedrängt werden zu müssen. Und wenn sie dies nicht möchten, muss ihnen durch ausreichende Informationen, die Möglichkeit gegeben werden, die Drogen, die sie konsumieren, angemessen einzuschätzen. Diejenigen, die die Drogen ausprobieren wollen, werden es ohnehin tun, da gilt es für den Staat, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Und diejenigen, die kein Interesse an derartigen Bewusstseinserweiterungen haben, werden sich auch nach einer Legalisierung nicht dem Rausch des Neuen verschreiben. Es würde alles mehr oder weniger beim Alten bleiben, nur wäre dann eine sichere Basis geboten, die durch die Aufklärung und angemessene Präventionsmaßnahmen gewährleistet wäre.

Doch bevor die Gesellschaft derart umgekrempelt und dazu gebracht wird, bei dem Wort „Droge“ nicht mehr unmittelbar an einen halb verwesten Junkie auf einer vergammelten Matratze zu denken, fangen wir doch einmal klein an und tun, was schon längst überfällig ist.
Um es mit den Worten von Hans-Christian Ströbele zu sagen: „Gebt das Hanf frei!“

  Quellen, Zusatzinformation:

*1Dies hatte unter anderem auch wirtschaftliche Gründe: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/krankheitenstoerungen/tid-9116/cannabis_aid_263778.html

Trailer zu „Reefer Madness“ (1936) – Film aus Zeit der Anti-Cannabis -Propaganda: https://www.youtube.com/watch?v=sbjHOBJzhb0

*2https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/die-rangliste-der-gefaehrlichsten-drogen/
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