Die Dorfprominenz

Jeder kennt jemanden, den jeder kennt. Man weiß nicht woher oder wieso, aber man kennt den Namen dieser Person und ein paar private Details. Manchmal sogar obwohl man besagter Person noch nie persönlich begegnet ist. Ihr Leben scheint so interessant, dass man von anderen Leuten immer etwas von dieser Person hört. Dies passiert jedoch nur bei Menschen, die polarisieren. Entweder sind sie allbekannt, weil sie besonders charismatisch sind und sehr viele Freunde und Bekannte haben oder eben das Gegenteil ist der Fall und sie haben einen schlechten Ruf, der sie überallhin begleitet. Zu diesen Eigenschaften kommen noch die sozialen Medien dazu. Besagte Menschen zeigen dort auch eine bestimmte Präsenz, welche zu ihrem Ruf beitragen – dem Guten, wie dem Schlechten.

Es ist eben genau wie bei Prominenten. Durch ihre dauernde Präsenz ist man fast schon gezwungen, sich eine Meinung über sie zu bilden. Das ist auch irgendwo gewollt, bei den Promis, weil sie damit Geld verdienen und bei der Dorfprominenz ist dies eher Futter fürs Ego. Es ist ein zu gutes Gefühl, durch die Stadt zu laufen und alle paar Meter anhalten zu müssen, weil man kurz mit einem Bekannten quatschen muss. Dass diese in den meisten Fällen sofort über einen herziehen, sobald man wegläuft, kann weitestgehend ignoriert werden. Solange sie einem ins Gesicht lachen, streicht man sie nicht von der Liste der „Freunde“.

Man will dazugehören

Mit Menschen, die einen guten Ruf haben, will man sich gutstellen, da man insgeheim hofft, dass dieser auf einen abfärbt und man davon profitieren kann. Das muss nicht zwangsläufig ein bewusster Gedanke sein, doch es ist oft zu beobachten.
Das funktioniert so lange, bis sie sich die Prominenz einen Skandal leistet. Denn dann werden die Fackeln und die Mistgabeln gezückt, da dies auch von Leuten zur Kenntnis genommen wird, die überhaupt nichts mit der Person zu tun haben, sich jedoch eine Meinung gebildet haben und so das selbst eingeräumte Recht ausüben über diese Person zu richten.

Geschieht dies, tritt der gegenteilige Fall ein und man will mit der Person möglichst nichts zu tun haben. Das bedeutet nicht, dass die Person gemieden wird, im Gegenteil, es wird auch ausgiebig mit ihr geplaudert. Doch sollte man von einer dritten Person gefragt werden, was man vom „Dorf-Promi“ hält, wird beteuert, man könne ihn nicht leiden. Der andere soll ja nicht denken, dass man sich gut mit einem Menschen versteht, der einen schlechten Ruf hat.
Man hasst nur hintenherum, weil man, sollte der Dorf-Promi wieder im Ansehen steigen, gut im Kurs stehen will.

Die neuen Werte

Das hört sich alles an, als stamme es aus einer schlechten Soap, doch leider ist das bittere Realität. Schon in jungen Jahren sind die meisten schon so verkommen, dass sie ihre „Freundschaften“ auf derart oberflächlichen Dingen aufbauen und sich dann wundern, warum ihre Bindungen – egal welcher Art – höchstens ein paar Jahre halten. Niemand sucht Freundschaften fürs Leben, weil ja der soziale Status geformt werden muss, da haben echte Gefühle keinen Platz. Tiefe Bindungen stehen nicht sehr weit oben auf der Liste, wahrscheinlich auch, weil sie nicht wirklich wissen, wie diese sich anfühlen. Sie sind auch viel zu beschäftigt falsche Freundschaften zu pflegen, bei denen sie hoffen, dass dabei etwas für sie rausspringt.

Für die Dorfprominenz bleibt nur die Frage, ob sie diese Art Leben wirklich ausfüllt und ob es nicht besser wäre sich nicht mit derart falschen Menschen zu umgeben, die einem etwas vorspielen, nur um einen vermeintlichen Vorteil daraus zu ziehen. Vielleicht sehen sie dies auch überhaupt nicht, sondern sehen nur die gute Aufmerksamkeit, die sie in sozialen Medien und in der eigenen Stadt bekommen. Vielleicht fänden sie es schlimmer, ein Niemand zu sein und haben Angst, dass nichts übrigbleibt, wenn die falsche Zuneigung wegfällt.

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